Handelsblatt / Künstmarkt, 28./29.11.1997

GALERIEN / Ein Kölner Herbstrundgand

Fäden der Geschichte

bei CHRISTIANE VIELHABER

Fäden - zurfick in die Kunstgeschichte, Fäden, gesponnen aus der eigenen.Geschichte oder Fäden, wie die zu dichtem Filz gewalkte Stoffbahnen: die Kölner Galerienszene hit sie derzeit kreuz und quer gespannt.

HANDELSBLATT, Donnerstag, 27.11.97

KÖLN. Es sind nicht immer nur die Künstler, die ihr Werk als Botschaft versteheh. Es können, wie im Fall der Ausstellung "message" in der Galerie Schijppenhauer, durchaus auch einmal Gastkuratoren sein, deren Botschaft in der Entscheidung für einen Küinstler liegt. Amnon Barzel z.B. entschied sich für den Italiener Franco londa, Gerard Goodrow für den georgischen Wahlkölner Luka Lasareisvhili, die Spanierin Gloria Moore für ihren Landsmann Michelangelo jr., Karin Stempel für die Französin Sophie Calle und der Kölner Installationskünstler Manos Tsangaris für seinen amerikanischen Kollegen Dan Senn.

Dabei herausgekommen ist ein spannender Vergleich höchst unterschiedlicher zeitgenössischer künstlerischer Haltungen. Am poetischsten viefleicht hier die "suite venetienne" von Sophie Calle, das notierte und fotografierte Tagebuch (55 s/w Aufnahmen, 3 Stadtpläne und 24 Textseiten, 94 000 DM). Verdeckt und unerkannt folgt sie den Spuren eines Fremden kreuz und quer durch die Lagunenstadt. Weder illustrieren die atmosphdrisch dichten Aufnahmen die Aufzeichnungen, noch Iösen letztere das Geheimnis der Bilder.

Auf andere Art sehnsuchtsvoll poetisch auch die lacht-, Bild- und Toninstallation von Lasareisvhili. Hier die laute (aber stumme) Grossstadt, dort die ruhige (aber von Möwengeschrei geschwängerte) Dünenlandschaft. Eine Metapher für die Erfahrung, daß das Glück offenbar immer gerade da ist, wo ich nicht bin (komplette Installation mit Apparaturen 120000 DM). (Bis 10.1.98)

Installationscharakter hat. auch die Franz West-Ausstellung bei Gisela Capitain. Neben den sog. Hangarounds, den z.T. sehr witzigen heldseitigen Bildcoflagen (14000 bzw. 20000 DM) und einer Wandcollage aus sieben zumeist getauschten Arbeiten von KoHegen, u.a. von Zobernig und Petitbon (30000 DM) und drei bunten Papiermasche-Skulpturen, amorphe, würfelkopfartige Gebflde (inkl. Sockelje 30000 DM) orakelt es auch frühlingshaft aus einem Kassettenrecorder. Werner Büttner verilest mit seinem thüringischen Akzent Goethes Gedicht vom verliebten Paar, das sich herzlich zum Altar sehnt, den West dann aus einem verschmieren Tisch und einer Altar-Bild-Collage gebaut hat (30000 DM, bis 13.12.).

Eine eher sakrale Aura verbreiten die fünf groben neuen Filz-Arbeiten von Robert Morris bei Philomene Magers, die mit einem sehr barock anmutenden Pathos ihre Flügel ausbreiten, sich zu dramatischen Faltenwürfen bauschen oder die den schweren Fall der Stoffbahnen in eine schleppenartige Würdeformel umsetzen. Auch das Moment des Erotischen ist dort vorhanden, wo Morris mit körperhaften Offnungen bzw. weichen Rundungen argumentiert. Die z.T überlebensgroben wuchtigen Filzreliefs kosten je nach Größe 150000 his 185000 Dollar. (Bis zum 17.1.98)

Auf den ersten, nahen Blick wirken die neuen Gemülde von Michael van Ofen bei Galerie Johnen und Schöttle, wie eine vom Gegenstand vöilig freie Bildgestaltung aus rein malerischer Struktur und Geste. Erst aus der Distanz wird deutlich, dai3 es sich bei den acht Arbeiten um Adaptionen und Abstraktionen klassischromantischer Vorbilder aus dem 19. Jahrhundert handelt wie etwa um Kobells "Drei Jüger zu Pferde" von 1822, das van Ofen in eine scheinbar informelle Skizze auflöst (18000 DM), Eines der stimmungsvollsten und zugleich auf seltsame Art präzisesten Bilder ist "Le General", bei dem die ganze Grandezza, noch dazu auf kleinem Format von 5Ox6Ocm in einem weißen Pinselzug aufleuchtet. (Die ölbilder kose je nach Format 6600-21 600 DM, bi 6.12.)

Bei George Condos neuen Bildnissen, die Monika Sprüth derzeit präsentiert, handelt es sich zwar vorwiegend um putzige Monster, abe durch seine Art der Malerei verleiht ihnen der Künstler eine physisch Präsenz und, trotz der Häschenzähne, Kartoffelnasen oder Plüschohren, eine lachhafte Ernsthaftigkeit, die verblüfft. Der erstaunte Blick au dem Bild erwartet lustvoll den konsternieren Blick in das Bild. De Amerikaner spielt dabei ohne Zweifel auch ironisch mit unserem europäischen Hang zur Ahnengalerie Eine degenerietre Micky Mouse im Empire-Hüngerchen wird bei Condo sowohl zu einer Aussage über malerische wie gesellschaftliche Traditionen (je nach Format von 4800 über 6000 his 60000 Dollar).

Ihre persönliche Erweiterung des Kunstbegriffs demonstriert parallel dazu Rosemarie Trockel mit ihren beiden Filmen "Tweedle" und "Yvonne", die auf unterschiedliche Weise das Thema ihrer Strickbilder bzw. der weiblichen Identifikationsmuster aufgreifen. Während in "Yvonne" (13000 DM) Personenjedwelchen Alters und Geschlechts in "Strickmuster" schlüpfen, sich irgendwie verhalten oder eine Rolle vor der Kamera spielen, ist "Tweedle" ein Streifen, in dem ein Wollknäuel seine Ariadnefäden in grafischerzählerischer Strenge spinnt, d.h. sich ausrollt, einfängt, vernetzt, verwickelt, Führten legt und Maschen knüpft (75000 DM, his 24.1.98).

Keinen Ariadnefaden, aber einen roten Faden hat die Galerie Reckermann nach dem Motto der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen durch ihre Räume gezogen, wie z.B. eine (unverkäufliche) antike römische Vase neben der kleinteilig aus Pappelementen wie aus Scherben aufgebauten "Vase" von Virnich (60000 DM), wie die stählerne Tischskulptur von Caro "Helmet of the Samourai" (28000 Pfund Sterling) und dazu gesteilt präkolumbische Kriegerköpfe (10000 bzw. 17000 DM). Ein spätes, wunderbar dichtes weißes Nageirelief von Uekker, sein "Feld" von 1995 wird konfrontiert mit einem (unverkäufl.1 Nagelfetisch aus Afrika, oder Dorothee von Windheims Musselinabdrücke (3 000 his 19 000 DM) mit Brokattüchern aus dem 19. Jahrhundert. Hätte Reckermann auch noch die legendäre Venus von Milo holen können, so wäre auch hier anschaulich der Faden zu "Peeping Tom", dem aus Kunstharz gegossenen weiblichen Torso von Arman, der im Innern eine Akkumula:tionaus Brillen birgt (240 000 DM) gezogen worden. (Bis 10.1.98)

Kienholz verband stets Kirmes und Kirche, Abfall und Andacht, Voyeurismus und Votivkult in,seinen Arbeiten. Die Galerie Krips zeigt augenblicklich vier seiner spilten Assemblagen, die zwar Auflagenobjekte, aber zugleich Unikate sind: Hausaltäre mit Reliquien aus dem großen Sektor, den wir gemeinhin als Kultur bezeichnen qe 40000 DM. Volksempädnger Multiple 6500 DM, his 20.12.).